Einstieg in die Elektromobilität

Dieses Thema im Forum "Die Taverne" wurde erstellt von Tim, 14. Mai 2020.

  1. Tim

    Tim Streichel-Mod

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    Da ich in den letzten Monaten sehr viel über das Thema recherchiert habe und dann auch am Ende vor ca 2 Wochen ein Elektroauto bestellt habe (Tesla Model 3) wollte ich euch mal an den Dingen teilhaben lassen die ich so gefunden habe.

    Wer mal eine Probefahrt machen will: https://nextmove.de/ bietet quasi jedes Elektroauto was so am Markt ist zur Miete an.

    1. Ladeinfrastruktur

    Die Elektromobilität steht und fällt mit der Infrastruktur die Autos laden zu können. Und genau diese ist auch noch eine riesen Achillesferse. Eigentlich überall auf der Welt sind die Ladestationen eine absolute Service- und Tarifwüste. Wenn ihr dachtet das es schwierig ist die Tarife der Bahn zu verstehen habt ihr noch nicht versucht eine Ladekarte zu finden die zu euch passt.
    Es gibt unzählige Anbieter die Ladeinfrastruktur aufgebaut haben und unzählige Ladekartenanbieter, die per Roaming auf die Infrastruktur zugreifen. Dummerweise hat dann jeder Kartenlieferant andere Preise und selbst die direkten Stationsbetreiber haben undurchsichtige Tarife.
    Beispiel: Wenn man einer Innogy Ladestation laden möchte bezahlt man in Krefeld dafür Pro Minute des Ladens, in Dortmund aber pro kwh. Wobei sich das ändert je nachdem mit welcher App oder mit welcher Ladekarte man läd. :D

    Ladesäulen besitzen unterschiedliche Anschlüsse. Folgende sind für den täglichen Gebrauch relevant:

    CCS: Gleichstrom Schnellladeanschluss der in ganz Europa den gleichen Stecker hat. Diese Säulen stehen meist an Autobahnraststätten, Knotenpunkten von Bundesstraßen und haben eine Ladeleistung von 50KW bis 350KW. Bis auf sehr wenige schon ältere Automodelle haben alle Elektroautos die man in Europa jetzt neu kaufen kann diesen CCS Ladeanschluss.

    Typ 2: Wechselstrom Ladeanschluss der in ganz Europa den gleichen Stecker hat. Die Säulen findet ihr in Innenstädten, Wohnsiedlungen usw. Ladeleistung schwankt zwischen 4,7 und 22KW. Die meisten aktuellen Autos können entweder einphasig 11KW oder dreiphasig 22KW laden. Dieser Stecker ist netterweise einfach nur der obere Teil des CCS Steckers so daß keine zweite Ladebuchse am Auto sein muss.

    Hier ein Link zu allen Europäischen Ladestationen: https://www.goingelectric.de/stromtankstellen/

    2. Ladekarten

    Wie ich oben schon gesagt habe ist es schwierig eine Ladekarte zu finden die wirklich taugt. Ich habe mich für 3 Ladekarten entschieden.

    ADAC e-Charge: https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/elektromobilitaet/laden/adac-e-charge/
    Hier läd man AC zu 29 Cent pro kwh und DC zu 39 Cent pro kwh und man kann alle Ladestationen nutzen die bei der ENBW App zur Verfügung stehen. Dies sind sehr viele in Deutschland.

    Shell Recharge: https://www.shell.de/autofahrer/shell-recharge-electromobility-with-shell.html
    Teurer als der ADAC Tarif aber mit der Karte kann ich quasi alle Ladestationen abdecken die beim ADAC Tarif in Deutschland nicht enthalten sind. Außerdem hat die Shell Karte eine relativ gute Abdeckung in Europa.

    Plugsurfing: https://www.plugsurfing.com/home
    Hat die meisten Europäischen Ladestationen und ist für den Urlaub sicherlich eine tolle Sache. Allerdings sind hier die Tarife an den Säulen immer sehr individuell.

    Da ich mich für einen Tesla entschieden habe stehen mir ohne Ladekarten auch noch die Tesla Supercharger zur Verfügung die anderen E-Auto Fahrern leider nicht zur Verfügung stehen.

    3. Versicherung

    Nach intensiver Recherche habe ich für meinen kommenden Tesla die Versicherung HUK24 gewählt. Nicht weil diese unglaublich gute Dinge für Elektromobilität tut, sondern weil sie weit günstiger ist als die anderen Versicherungen die ich gesehen habe. Die Firma Tesla bietet mit 8 Jahre Garantie auf das Auto oder bis zu 160000km (was früher eintritt) das schließt den Akku mit ein. Daher muss man meiner Meinung nach wenn man solche Garantiebedingen hat nicht auch noch eine Versicherung auf so etwas abschließen.

    4. Reichweite

    Während meinen Probefahrten vor ein paar Wochen mit diversen unterschiedlichen Elektroautos habe ich für mich festgestellt das entgegen der Meinung von diversen Autobauern Reichweite "King" ist. Die Autos mit ca 200km Reichweite haben bei mir grundsätzlich dazu geführt, dass ich nur im Kopf hatte "Welche Ladesäule muss ich denn jetzt ansteuern damit da noch hin komme". Natürlich haben diese Autos auch Spaß gemacht. Aber dennoch habe ich mich weit entspannter gefühlt als ich in einem Auto saß welches 300-400km Reichweite hatte. Man war sicher dass man immer irgendwo was zum Laden findet.
    Die Reichweite eines Elektroautos schwankt je nach Temperatur und Wetterbedingungen. Das Model 3 Long Range welches ich bestellt habe kann ca 500km unter Idealbedingungen fahren (100km/h, 20 Grad, kein Wind) Bei Winterlichen Temperaturen und stärkerem Wind würde die Reichweite bei gleicher Geschwindigkeit auf 400 oder sogar 350km fallen.

    5. Zeitaufwand beim Reisen

    Viele Leute sagen wenn man ihnen erzählt das man ein Elektroauto kauft: Na dann dauern doch längere Strecken viel länger weil man doch dauernd zum Laden anhalten muss. Die Antwort darauf ist: "Jein, aber"
    Wenn ich meinen zukünftigen Tesla in der Garage zu 100% auflade kann ich ohne Probleme nach Beispielsweise Krefeld und zurück fahren ohne einen einzigen Ladestopp zu machen. Wenn ich weitere Strecken fahre würde ich mir einen CCS Lader auf der Autobahn auf der Strecke suchen - ca alle 250 km. Elektroautos laden bei einem Ladestand zwischen 20 und 80% am Schnellsten. Das Tesla Model 3 kann von 20 auf 80% innerhalb von 20 Minuten aufladen. Sprich ich würde nach 250km für 20 Minuten Pause machen um wieder ca 200-250km zu fahren. Klingt das nicht nach einem völlig normalen Road Trip?
    Das Problem des Reisens mit Elektroauto fängt erst an wenn man an einem Ziel angekommen ist ;) "Destination Charging" ist derzeit noch so ne Sache und man wird sicherlich vorher recherchieren müssen wo man vor Ort laden kann - eventuell kann man auch bei seiner Unterkunft über Nacht an der Steckdose laden.

    Ein toller Routenplaner der auch Ladestopps je nach ausgesuchtem Auto einbaut ist: https://abetterrouteplanner.com/
    Damit könnt ihr ja mal ein wenig rumspielen.

    6. Kosten

    Ja, Elektroautos sind teuer - aber wenn nicht Leute die es sich leisten könne mit einsteigen werden die Autos auch für Menschen mit weniger auf der hohen Kante niemals erschwinglich werden.
    Zusätzlich gibt es derzeit 6000 Euro Umweltprämie für den Kauf eines E-Autos und im Land NRW kann man sich eine Ladestation in der heimischen Garage mit 1000 Euro subventionieren lassen. KFZ Steuern muss man die ersten 10 Jahre nicht bezahlen.

    Wenn man aber mal ein Equivalenten Neuwagen von BMW oder Mercedes daneben stellt ist der Anschaffungspreis eher das Gleiche - immer noch teuer - aber es ist nicht mehr als was die gehobeneren Marken verlangen.

    Kraftstoff/Energieverbrauch ist wenn man mit einem 7 Liter/100km Auto vergleicht bei einem Elektroauto ca 50% günstiger.

    So - das wären erstmal meine ersten Gedanken - ich freue mich über euer Feedback und über Fragen die ich gern beantworte :)
     
    Sir Darian gefällt das.
  2. Rhonwen

    Rhonwen Forumsköchin

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    Danke für die ausführliche Beschreibung.

    Falls jemand Fragen zu einem Toyota Yaris Hybrid hat, können sie mir gestellt haben. Dessen Eletroteil beschränkt sich auf Bremskraftrückgewinnung und Laden des Akkus mit vom Motor zu bestimmten Zeiten produzierte, nicht aber für das aktuelle Tempo gebrauchte Energie.
    Mit dieser Energie kann man bis Tempo 60 rein elektrisch fahren, bei mir sind es innerorts bei 50km/h etwa 5 km.
     
  3. skull

    skull Thronfolger

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    Meinen Golf IV werde ich bis zum bitteren Ende fahren, aber danach wäre ein E-Auto in der Tat schön (sofern das Geld da ist). Muss ja nicht von dem Unternehmen mit dem komischen CEO sein... Das Problem ist nur, dass ich in unserer jetzigen Wohnsituation überhaupt keine Chance hätte, den Wagen zu hause zu laden, da die TG in unserem Wohnhaus hierfür keinerlei Infrastruktur bietet. Da sollte der Gesetzgeber meiner Meinung nach ordentlich nachhelfen (Eigentümer verpflichten, Dosen zu installieren), sonst sehe ich schwarz.

    Edit: Nanu, kaum ist man ein paar Jahre unterwegs, schon ist das eigene Bild verloren gegangen.
     
  4. Vernochan

    Vernochan Schabrackentapir

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    Stimmt ja gar nicht! :p
     
  5. Tim

    Tim Streichel-Mod

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    @skull Also ich hätte ja mit jedem gerechnet hier :D Aber hey, willkommen zurück!

    Und du hast vollkommen Recht - wenn man keine Möglichkeit hat daheim zu laden ist ein E-Auto absolut unsinnig. Bei dem was ich so in den E-Auto Foren lese ist dass die Leute 80% daheim laden und 20% außerhalb. Meist sogar noch wesentlich mehr daheim. Und wenn die Möglichkeit nicht da ist müsstest du eine öffentliche Ladestation in deiner Umgebung finden die auch zuverlässig frei ist für dich und fußläufig erreichbar ist. Was eher nicht der Fall sein wird.. und das ist total unpraktisch.
    ALLERDINGS: Ein E-Auto kannst du auch ganz normal an 16A CEE aufladen in einer sinnvollen Zeit. Für die meisten Leute reicht das völlig daheim wenn es anders nicht geht. Sprich - wenn du einen blauen CEE Anschluss irgendwo hast geht das auch ohne Probleme.

    Zusätzlich glaube ich gibt es derzeit sogar Gesetzesvorlagen um Ladestationen von Vermietern verlangen zu können - natürlich nicht kostenlos. NRW z.B. bietet 1k Subvention wenn man eine Private Ladestation aufstellt. Das ist schon mal ne tolle Richtung - und z.B. auch der Grund warum mein Vermieter das bauen wird.
     
  6. skull

    skull Thronfolger

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    @Vernochan Nice save. Die Response Time hätte ich gerne mal bei unserer IT gesehen.
    @Tim Ich verstehe den Vorteil von der CEE-Dose nicht ganz - die müsste der/die Eigentümer/in ja auch erst installieren lassen, also ähnlicher Aufwand wie Schuko (die für Autos natürlich nicht gut geeignet ist) oder Starkstrom?
     
  7. Tim

    Tim Streichel-Mod

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    @skull Naja.. es ist einfacher ein normales Stromkabel was ja eh mit 16A abgesichert ist irgendwohin zu legen und einen Blauen CEE Stecker dran zu machen. Dadurch könntest du wenigstens mit 3,7KW laden.
    Für mehr müsste der Vermieter einen 3phasigen Anschluss legen was ein erheblicher Mehr- und Kostenaufwand ist.
     
  8. Gags

    Gags Headhunter

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    Elektromobilität klingt immer wenn man es liest und sieht eigentlich sehr schön. Sieht man jedoch etwas hinter die Thematik, erschließen sich einem auch schon die Probleme die es meines Erachtens, absolut uninteressant für mich machen. Sowohl von Reichweite, über Infrastruktur als auch Ladedauer. Wenn sich da in den nächsten Jahren nichts tut (Auch im Thema Forschung und Entwicklung.), ist die ganze Geschichte ein totgeborenes Kind.
    Ich könnte mir vorstellen, das die technologische Entwicklung (Tesla soll jetzt wohl einen Akku an den Start bringen, der sogar ohne Cobalt gefertigt werden kann.) in 20 Jahre so weit ist, sich ernsthaft Gedanken über ein Elektroauto zu machen. Aber bevor ich mit solch einem Auto nicht mindestens 800 km am Stück schaffe und ein Ladevorgang nicht in 3 bis 5 Minuten beendet ist, werde ich weiter ein Kinder fressender Benzinmotor-Nutzer sein. Wobei die Klimabilanz entgegen der vollmundigen Versprechen von Politik und natürlich der vertrauenswürdigen Gattung der Autohändler, ja doch nicht soviel besser sein soll als bei einem modernen Benziner. :)
     
  9. Tim

    Tim Streichel-Mod

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    Das ist quasi das Übliche was man so über E-Mobility hört :D Und es ist ja ein Fünkchen Wahrheit dran. Aber nicht an der Stelle wo du denkst..

    Nehmen wir mal an wir wollen von Hamburg nach München. Aller Wahrscheinlichkeit kommen wir auf der Hinfahrt identisch am Ziel an weil wir beide die ca 800km nicht in einem durch fahren würden. Wir würden wahrscheinlich irgendwas zwischen 30-60 Minuten Pause auf der Strecke machen. Wenn man mit Familie fährt vielleicht sogar noch mehr. (Ich gehe jetzt mal von einer Urlaubsfahrt aus - nicht von einer "Ich bin in Eile und hüpfe nur mal für 5 Minuten zum Pinkeln raus")
    In diesen Pausen würde ich mein Auto einfach an den Schnellader auf der Raststätte stecken (Die haben mittlerweile fast alle einen) und hätte dadurch bis zum Ziel keinerlei Zeitverlust gegenüber dem Benziner.

    Das Problem mit der Ladeinfrastruktur fängt am Ziel an. Im Gegensatz zum Benziner, der einfach kurz vor der Rückfahrt mal schnell an die Tanke fährt muss ich als E-Auto Fahrer eine Lademöglichkeit finden, die mir ermöglicht mit einem möglichst hohen Ladestand die Rückfahrt anzutreten. Um eben genau wie auf der Hinfahrt keinerlei Zeitnachteile zu haben. Dummerweise bedingt das dann am Zielort rumsuchen, eventuelles rumfluchen weil irgendein Benziner die Ladesäule zugeparkt hat usw...

    ABER - diese Probleme sind tatsächlich nur existent wenn du große Strecken fährst. Und mal ganz ehrlich... die meisten Menschen fahren im Jahr eher kürzere Strecken. Die Fahrprofile der Leute sind meist so dass sie 90% des Jahres unter 100km am Tag bleiben und die restlichen 10% über 100km. Dadurch brauchst du keinerlei öffentliche Ladeinfrastruktur. Wenn du einfach das Auto Abends in der Garage ansteckst und morgens mit 90% Ladestand losfährst musst du niemals eine Ladesäule draußen besuchen.

    Natürlich kommt es auf dein persönliches Fahrprofil an - aber ich für meinen Teil habe in den Probefahrten die ich gemacht habe und auch in der Recherche zu dem Thema keinen Stolperstein für mein persönliches Fahrprofil gesehen.
     
  10. skull

    skull Thronfolger

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    Hier gehts ja oldschool zu im Thread...

    Für mein Fahrprofil wäre ein E-Auto wie von Tim geschildert absolut ausreichend. Es käme vielleicht zwei bis drei Mal im Jahr vor, dass ich/wir ungeduldig an der Raststätte rumlümmle/n. Das vielleicht auch implizierte Argument 'E-Autos sind auch umweltschädlich' ficht mich nicht besonders an; 1. ja stimmt - wie auch der Verbrenner, den sie ersetzen. 2. ist halt die Frage, wo man seinen Fokus setzt: Wenn mich der Klimawandel im Moment mehr beschäftigt als andere Umweltthemen, dann ist E-Mobilität durchaus das kleinere Übel (für jemanden wie mich, der nicht WIRKLICH verzichten will... also 90% der Bevölkerung). (Am besten wärs natürlich auch, Kreuzfahrten endlich zu verbieten - da sind wir ja auf nem guten Weg, hehe.)
     
  11. Tim

    Tim Streichel-Mod

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    Zusätzlich kann man sich ja auch denken: Hey, wenn ich 90% daheim lade kann ich wenigstens Öko Strom kaufen und damit von den Energieriesen mehr OköStrom Einspeisung in das Netz verlangen... und man verbrennt halt nicht mehr direkt fossile Brennstoffe. (Mir ist durchaus klar dass ich nicht steuern kann wo das Elektron aus der Dose herkommt es sei denn ich bau mir nen Solardach auf die Garage). Wer sich für die komplette Umweltbilanz von E-Autos interessiert: https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/elektroautos_bf.pdf <- Sinnvolle Quelle
     
  12. Durandil

    Durandil Dúnadan

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    Spannendes Thema!

    Damit habe ich mich die letzten Monate auch viel beschäftigt, wenn auch nicht explizit für meinen privaten Bedarf. Ich wohne ja etwas außerhalb in einem Dorf. Sehr viele Anwohner hier arbeiten auch in diversen sozialen Betrieben vor Ort. Die ÖPNV-Anbindung ist schlecht. Deshalb haben wir gerade einen gemeinnützigen Verein gegründet und Fördergelder gesammelt, um ein Elektro-Auto, E-Lastenrad und einige E-Fahrräder anzuschaffen, die die Dorfgemeinschaft nutzen darf (plus Mitfahrbörse etc.). Hier sind nämlich auch die "Kleinen" unter den E-Autos passend - die üblichen Wege führen in den Nachbarort oder die Stadt, Strecken von 10-25 Minuten pro Richtung. Range anxiety und Ladezeiten spielen hier eigentlich keine Rolle, selbst für einen kleinen Zoe, der dann den einen oder anderen Zweitwagen unnötig machen wird.
    Und ich freue mich sehr darauf, zum Einkaufen bald mit dem E-Lastenrad quer durch den Wald abzukürzen :)

    Ich bin auf Deine weiteren Erfahrungsberichte gespannt, Tim, und werde gerne selber auch meine Erfahrungen hier teilen, wenn die ganze Bürokratie hier durch und das Auto wirklich da ist.
     
  13. Maus

    Maus Senior Member

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    @Durandil : kannst du noch erzählen, wie ihr plant, die Nutzung zu steuern/koordinieren? Seid ihr so wenig, dass es auf Zuruf funktioneren sollte oder habt ihr da ein Reservierungskonzept? Und wie ist das mit den Kosten geplant? Jeder hat eine Lade-Karte oder bringt das Gerät aufgeladen zurück? Die Idee ist ja nicht neu und aus meiner Erfahrung ist es bisher häufig an genau diesen Problemen gescheitert: man kann das Fahrzeug nicht nehmen, wenn man es braucht. Und die laufenden Kosten lassen sich nur mit hohem Aufwand fair verteilen...
     
  14. Durandil

    Durandil Dúnadan

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    Die Buchungsplattform ist für uns zentral und in der Tat sehr wichtig. Zum einen gibt es da diverse fertige Lösungen wie etwa Mobiles Dorf. Da unser Konzept aber etwas umfassender ist, haben wir das auch ausgeschrieben und werden zwischen drei Angeboten entscheiden, die soweit im Finanzierungskonzept mit eingeplant sind.

    Unsere Buchungsplattform bietet die Reservierung zu freien Zeiten, mit notwendigem Abstand zum Laden zwischen den Buchungen. Örtliche Betriebe, die eigene Alternativfahrzeuge haben, haben dabei keine so hohe Priorität wie Privatnutzer. Zusätzlichen haben wir eine Mitfahrbörse, um private Fahrten zu teilen, eine Mitbringbörse, und eine Anbindung an GetAround, um weitere privat geteilte Fahrzeuge aufzulisten (dann halt nicht E). Geladen wird zentral, berechnet werden könnte über gefahrene Entfernung bzw. Differenz im Akkustand (da müssen wir noch evaluieren, was die Auto-Schnittstelle zuverlässiger hergibt). Wer weiter fährt, als der Akku hergibt, muss halt privat zwischenladen. Auch haben wir einen geringen Jahresbeitrag. Laufende Kosten sind bei einem Elektrofahrzeug wohl überschaubarer, und Teil des Finanzplans, und können aus den Mitgliedsbeiträgen gestemmt werden.

    Aber klar - wenn das Fahrzeug gebucht ist, ist es für den Zeitraum nicht verfügbar (Ausnahme s.o. Privatperson vor Betrieben). Dann bleibt der Rückgriff auf eines der extern verliehenen Privatfahrzeuge (s.o. GetAround). Auf jeden Fall wird das mehr Planung und weniger Spontanität erfordern. Also eher was für Familienmenschen, die eh relativ durchstrukturierte Tages- und Wochenpläne haben, als für Studenten. Das passt hier.

    Basis ist übrigens ein gemeinnütziger Verein, die Finanzierung zu einem Großteil über Fördermittel für strukturschwache ländliche Gegenden. Das finale Abrechnungsmodell wird noch entsprechend abgestimmt, um zur Gemeinnützigkeit zu passen. In unserem Nachbarort gibt es - später geplant und früher fertig - ein ähnliches Projekt, wo das Dorf-E-Auto seit einigen Monaten sehr gut angenommen wird, da sind wir auch immer wieder in Kontakt und holen uns Input.
     
  15. Maus

    Maus Senior Member

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    und die Reservierung ist: wer zuerst bucht hat das Fahrzeug? Ohne Begrenzung? Theoretisch könnte jemand jeden Do von 18-21 Uhr das Auto buchen, weil er damit dann immer zum Tennis-Training in den Nachbarort fährt?

    So aus der Erfahrung würde ich euch raten, die Zeit, in der das Fahrzeug reserviert ist, auch zu bepreisen. Weil im obigen Beispiel ist das Auto 3h zur primetime reserviert, wird aber nur für 2x10min genutzt (bei minimaler Fahrtstrecke und Akkuverbrauch). Das ist glaube ich nicht die effiziente Nutzung, die euch vorschwebt... Und wenn das Training mal ausfällt oder die Person verletzt ist, macht das auch nichts, wenn sie vergisst, die Reservierung freizugeben... kostet ja dann nichts.

    Auf der Kostenseite habt ihr nur Kilometer oder Akku-Ladung. Aber zur Einsatzoptimierung und für die Nutzer, ist Zeit der relevante Faktor...

    Den worst-case (das Auto wird zur Fahrt zur Arbeit genutzt) könnt ihr wahrscheinlich lösen, indem ihr das Mitglied, das so was macht, wegen vereinsschädigendem Verhalten raus schmeisst. Aber dran denken, dass ihr als Verein an eure Satzung und die festgelegten Regeln gebunden seid... Dorf sorgt zwar normalerweise für sozialen Druck um solche Probleme nicht entstehen zu lassen. Aber das muss nicht unbedingt bei allen Dingen klappen ;)

    Wäre natürlich auch interessant, wie das im Referenzprojekt nebenan so läuft ;)
     
  16. Vernochan

    Vernochan Schabrackentapir

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    Vielleicht sind die Leute in der Gegend einfach keine **** **** und es klappt auch so ;)
     
  17. Maus

    Maus Senior Member

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    Sehr unwahrscheinlich ;) Einen gibt es meistens... und mit dem Vereinsrecht im Rücken, kann das nerven...
     
  18. Durandil

    Durandil Dúnadan

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    Genau: wer zuerst bucht, hat das Fahrzeug, es sei denn, es ist ein Betrieb, dann kann ihn eine Privatperson überbuchen.

    Die Leute hier sind wirklich keine **** ****. Zur Miete wohnen oder Eigentum auf Erbpacht erwerben dürfen hier nur Mitarbeiter:innen der Betriebe mit Familie. Das bedeutet schonmal, dass die Mehrzahl der Erwachsenen zu Fuß zur Arbeit geht. Die Betriebe - alle im sozialen/Gesundheits-Bereich - sind zudem zu hohem Anteil selbstverwaltet, d.h. die Menschen kennen sich und wissen Konflikte miteinander zu lösen - wie bei Menschen üblich natürlich mal gut, mal weniger gut. Die Mitglieder, die wir schon haben, sind zudem nicht zwingend darauf angewiesen, d.h. wir können anfangs erstmal beobachten und noch ein paar Schräubchen drehen.

    Wir haben auch tatsächlich über eine geringe zeitliche Gebühr nachgedacht. Allerdings befindet sich auch das noch in Prüfung in Sachen Gemeinnützigkeit, denn ein herkömmliches Carsharing darf es genau deshalb nicht werden.
    Trotzdem danke, dass Du darauf aufmerksam machst. Ich werde mal Vorschläge einer zeitlichen Obergrenze und eines Ausschlusses von bestimmten Fahrten (wie die zur Arbeit) mit in das nächste Treffen nehmen.
     
  19. Maus

    Maus Senior Member

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    Hm, guter Punkt. Wenn die Gemeinnützigkeit eine zeitliche Gebühr verbietet, weil man damit ja "verdient" (Gewinn generiert) und keine Kosten deckt, ist das ein gutes Argument und erklärt, warum das häufig so gemacht wird.

    Noch ein Hinweis zu deinen Aussagen (@Durandil):
    - zeitliche Obergrenze: ist schwierig, weil was wenn jemand unverschuldet sich verspätet (Stau, etc.)
    - Fahrt zur Arbeit: was ist Arbeit? Das in Schriftform zu regeln könnte schwierig werden

    Mein Vorschlag aus Erfahrung (da ich inzwischen einige ähnliche Dokumente schreibe...): Solche Dinge in die Präambel packen. Da erklärt man, was die Absicht ist und kann sich im Streitfall bei Regelungslücken auf die Präambel stützen, damit klar, wie damit verfahren wird. Wenn man es im Regelungstext stehen hat, dann steht das mit allen Lücken und Unwägbarkeiten und man muss sich dran halten. Wenn man es offen lässt, kann man das flexibel handhaben und muss dann nur im Streitfall die Präambel bemühene. Und wenn ihr das eigentlich sehr harmonisch seht, wird der Streitfall eher nicht eintreten. Und wenn doch, Präambel heranziehen ;)
     
  20. Tim

    Tim Streichel-Mod

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    Cooles Konzept Dura. Gefällt mit. Mir würde dazu tatsächlich noch das Thema Ladezeiten einfallen. Denn ich habe in meinen Probefahrten gelernt dass das Laden mit AC bei den meisten Autos erschreckend langsam ist. Selbst wenn einphasig mit 11KW geladen werden kann brauchst du halt für einen Akku mit 30kwh knapp 3 Stunden um den komplett voll zu laden (was man eh nur im Ausnahmefall machen sollte.. 90% wäre sinnvoller).
    Ihr könnt also nicht um 10 Uhr das Auto mit 10% Restladung hinstellen und um 11 Uhr den nächsten "Mieter" damit losschicken wenn der Mieter 100km ohne Ladungspausen fahren muss.
     
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